Kirche zu Tingleff |
Als das Christentum seinen Einzug bei uns gehalten hatte und man anfing, Kirchen zu bauen, platzierte man sie häufig auf alten heidnischen Kultstätten. Das kann auch in Tingleff der Fall gewesen sein, denn der Sage nach hat es hier einen heiligen Bezirk gegeben. Da die Höfe des Dorfes nördlich der Straße lagen und südlich davon mindestens 5 Hünengräber aus der Bronzezeit vorhanden waren, mag dort ein Heiligtum seinen Platz gehabt haben. Direkt an der Straße erhoben sich 3 Grabhügel, und es steht fest, dass die Kirche auf dem mittleren dieser Gruppe errichtet wurde.
Unsere Kirche ist zu katholischer Zeit entstanden und war Sankt Leonhard, dem Vieh-Patron, geweiht.
Das genaue Alter des Bauwerks ist nicht bekannt, aber ohne Zweifel stammt es aus der Waldemarzeit (1157–1241). Das stimmt auch gut damit überein, dass die ältesten Teile, nämlich Apsis, Chor und Kirchenschiff, im Rundbogenstil (Romanik) errichtet sind.
Bei den späteren Anbauten, wie Turm und Waffenhaus, sowie bei Änderungen, z.B. der Fenster an der Südseite, kam der Spitzbogenstil (Gotik) in Anwendung.
Die Mauern der ältesten Bauteile sind überall einen Meter dick und ruhen auf einem Sockel aus behauenen Granitquadern. Als Material hat man rohe Feldsteine und muschelhaltigen Mörtel verwendet.
Die späteren Anbauten wurden aus Ziegelsteinen errichtet. Im Laufe der Zeit hat man am Bauwerk viel geändert und repariert.
An der Nordseite mauerte man die sog. Frauentür und die kleinen hochliegenden romanischen Fenster zu. Letztere wurden jedoch bei der Restaurierung im Jahre 1941 wieder geöffnet.
Ferner berichtet das Tingleffer Kirchenrechnungsbuch, dass 1644, also im Dreißigjährigen Krieg, ein Loch in der Kirchenmauer geflickt werden musste, das die schwedischen Reiter hineingebrochen hatten: »Dem MürrMann, de Karken mürr tho verferdigen, daran de Schwedischen Rüter ein Loch gemaket. – 1 Mark«.
Das Kirchenschiff, das 300 Personen Platz bietet, ist innen 34,00 m lang, 7,80 m breit und 5,40 m hoch und hat eine gerade Balken- und Bretterdecke. Das Dach wurde nacheinander mit Blei, Schindeln und blauen Pfannen gedeckt. Wann der Turm angebaut wurde, ist nicht bekannt.
Das ursprüngliche Material, Ziegelsteine, hielt den Witterungseinflüssen nicht überall stand, und so musste die Westseite 1776 und 1810 erneuert werden. Man verwendete roh behauene Quader.
Die Fassade erhält ein besonderes Gepräge durch zahlreiche Mauerhaken, ein gekröntes Spiegelmonogramm des Königs Christian VII und durch die erwähnten Zahlen der Jahre, in denen die Reparaturen durchgeführt wurden.
Der Turm hat mit seiner schlanken Spitze eine Höhe von 35,50 Metern. Bei einem heftigen Gewitter am 9. September 1783 wurden viele Kirchtürme vom Blitz getroffen, und auch die Tingleffer blieb nicht verschont. Der Turm fing Feuer, und die Hitze war so groß, dass das Bleichdach zu schmelzen anfing. Als die Glocken in die Tiefe gestürzt waren, stiegen die Gebrüder Bonnichsen auf die Mauern und versuchten, den Brand zu löschen.
Wegen der zahlreichen Feuersbrünste verurteilte Propst Balthasar Petersen in Tondern die Kirchtürme als Prahlwerk und empfahl die Errichtung von hölzernen Glockentürmen. Deshalb erhielt der Turm 1784 zunächst eine Kuppel, die aber 1810 durch die heutige Spitze ersetzt wurde. Sie ruht auf einer achteckigen Laterne, von der aus man bei klarem Wetter 22 Kirchtürme sehen kann.
Die Wetterfahne in Gestalt eines Hahnes hat ein Gewicht von ca. 16 kg.
Die beiden zerstörten Glocken wurden 1784 durch eine einzige ersetzt, die folgende Inschrift trägt: Me fuit Barthold Jonas Beseler, Rendsburg (Mich machte Barthold Jonas Beseler, Rensburg) Soli deo gloria (Gott allein die Ehre) Ved ilden ødelagdes jeg i 1783, men blev nu til ny igjen 1784. Giv Gud nu lykke, at man lyd må erindre alle til dig hen. Herr Ulrich Anton Petersen, pastor loci. (Durch Feuer wurde ich 1783 zerstört, aber wurde nun wieder neu 1784. Gib Gott nun Glück, dass mein Klang erinnern möge alle an Dich. Herr Ulrich Anton Petersen, Pastor des Ortes).
Das Waffenhaus, das angeblich seinen Namen daher hat, dass hier in früheren Zeiten die Männer ihre Waffen ablegen mussten, glich lange einer Rumpelkammer. Hier wurden die 3 Leichenbahren der Kirche, Totengräbergeräte, Kalkbehälter und die Feuerspritze aufbewahrt. Von April 1699 bis Oktober 1700 war hier sogar eine weibliche Moorleiche zur Schau gestellt.
Wenn man die Kirche betritt, fällt der Blick auf ein Relief, das der Eingangstür gegenüber in die Nordwand eingelassen ist. Es stammt von dem Tingleffer Bildhauer Jeremias Christensen (1859–1908), der als Behinderter von Pastor Johannsen gefördert wurde und in Berlin als Künstler Anerkennung fand. Für das erwähnte Werk, das darstellt, wie Joseph im Gefängnis die Träume deutet, erhielt Christensen während seiner Ausbildung an der Kopenhagener Kunstakademie die kleine Goldmedaille.
Im Mittelgang hängt eine Nachbildung des dänischen Linienschiffes, Alvertine, ausgeführt und 1930 gestiftet von Malermeister Stadsholt, Tingleff.
An der Südwand ist die prachtvolle Kanzel angebracht, die um 1614 in der Werkstatt des Flensburger Bildschnitzers Henrik Ringerink gefertigt worden ist. Auf 6 Feldern sind dargestellt: Sündenfall, Maria Verkündigung, Geburt Christi, Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt. Die Bilder sind von Figuren flankiert, von denen die letzte, Sankt Simon, von einem Blitzschlag zerstört und 1941 bei der Restaurierung neu geschnitzt wurde.
Die plattdeutschen Inschriften der Kanzel lassen keinen Schluss auf die Kirchensprache zu, denn diese war seit der Reformation dänisch. Da man früher mit Kircheninventar Handel trieb, ist es wahrscheinlich, dass die Familie Bendixen aus Gerrebek die Kanzel gekauft und der Kirche geschenkt hat.
Gegenüber der Kanzel hängt an der Nordwand ein spätgotisches Kruzifix (1250–75) aus Eichenholz. Es war Teil eines sog. Triumphkreuzes, das auf einem Balken vor dem Chorbogen stand. Das Kruzifix war von 2 Figuren flankiert, die Maria und Johannes darstellten. Das Kunstwerk hat ein trauriges Schicksal gehabt. Es wurde, wahrscheinlich 1712, unsachgemäß restauriert, denn die Arme sind zu kurz und zu dünn geraten. 1826 nahm man die Gruppe herunter. Die beiden Seitenfiguren lagen eine Zeitlang im Waffenhaus, und der ungeratene Sohn des Pastors Zoega trieb Unfug mit ihnen. Dann stellte der Küster sie in seinem Garten auf, und hier vermoderten sie in kurzer Zeit.
Das romanische Taufbecken gehört ohne Zweifel zum ältesten Kircheninventar. Es besteht aus Granit und hat einen Durchmesser von 74 cm. Die Ecken des viereckigen Sockels sind mit Menschenköpfen verziert.
Der Flügelaltar stammt aus dem Jahre 1700 und ist nicht besonders wertvoll. Das Altarblatt zeigt die Einsetzung des Heiligen Abendmahls. Auf den beiden Flügeln sind Darstellungen von Gethsemane und Golgatha zu sehen.
Viel älter und wertvoller ist das Gemälde unter dem Altarblatt, die sog. Predella. Bei der Restaurierung 1941 gelang es, sie wiederherzustellen. Es handelt sich um die Kopie eines Propagandabildes, das Lucas Cranach in der Reformationszeit im Kampf gegen die kath. Kirche malte.
Im Chorraum hängt ein Verzeichnis der Pastoren seit der Reformation (Series pastorum).
1876 baute Marcussen und Sohn aus Apenrade eine Orgel ein, die auf einer Empore stand. Diese wurde 1969 entfernt, als die gleiche Firma eine neue Orgel installierte.
Der Friedhof war ursprünglich so angelegt, dass jedes Dorf im Kirchspiel seinen besonderen Abschnitt hatte. Die Reihenfolge war von West nach Ost auf der Südseite der Kirche: Sophiental, Kraulund, Eggebek, Brauderup, Gaardeby, Baistrup, Wiesgaard. Auf der Nordseite der Kirche: Wippel, Terkelsbüll, Tingleff. Die Anordnung ist heute aufgegeben. Auf dem Kirchhof befinden sich zwei Gedenkstätten für Opfer des Ersten Weltkrieges: die Denkmäler für die Gefallenen des Kirchspiels Tingleff und für die verstorbenen Kriegsgefangenen des Lagers Baistrup.
Aktualisiert (Dienstag, den 26. Januar 2010 um 07:04 Uhr) Geschrieben von: Webmaster

